Ärger in der Notunterkunft Karow

24. Februar 2016
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Bild by Karow LIVE

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Weinende Kinder, aufgebrachte Bewohner, Polizei und LAGeSo waren vor Ort. Die dort untergebrachten Flüchtlinge wollten die Unterkunft verlassen. Die Gründe hierfür waren zunächst undurchsichtig und nach genaueren Recherchen vielschichtig. Zum einen zehren die katastrophalen räumlichen und hygienischen Zustände an  den Kräften. Laut Gesetz ist eine Dauer von 6 Monaten in einer Erstaufnahmeeinrichtung verpflichtend. Ist diese Einrichtung wie in diesem Fall eine Notunterkunft, potenzieren sich die persönlichen Probleme, die Probleme der Bewohner untereinander und die Probleme, die sich aus der Art der Unterbringung ergeben Woche für Woche des Aufenthalts. Die Zustände am LAGeSo, die Wartezeiten zur Asylantragstellung, die mangelnde Transparenz der Verfahrensweisen der zuständigen Behörden, die unsichere Bleiberechtssituation – dies und vieles mehr in Kombination mit der Art der Unterbringung mit unzureichender bzw. teilweise fehlender Sozialbetreuung führt zu persönlichen Konflikten und letztlich zu Spannungen unter den Bewohnern. In diesem Fall begannen die Probleme bereits, als die Turnhalle am Bedeweg noch gar keine Notunterkunft war. Als die Turnhalle als mögliche Unterkunft „beschlagnahmt“ wurde, gab es tagelang ein nicht nachvollziehbares „Hin und Her“ zwischen dem LAGeSo und dem Bezirk, ob diese Halle überhaupt als Unterkunft genutzt werden kann. Die Vereine, welche die Halle nutzten, die betroffenen Schulen und die Anwohner wurden schon damals unzureichend über das Vorgehen informiert. Auch der Betreiber, die „SocialSupportBerlin gemeinnützige UG“ ist ein Unternehmen mit wenig bis gar keiner Erfahrung im Bereich der Flüchtlingsbetreuung. Auch der Umstand, dass das LAGeSo selbst nur unsichere Auskünfte zum Betreiber machen konnte, ließ die Situation sehr suspekt erscheinen. Bereits im Dezember 2015 berichtete die Prenzlberger Stimme über die unklaren Verhältnisse und die mangelnde Transparenz bei den Referenzen des Betreibers. Zum anderen gibt es wie auch in anderen Unterkünften offensichtlich massive Kritik am Sicherheitspersonal. Am letzten Wochenende kam es dann in der Unterkunft in Karow zu einem Polizeieinsatz. In der Notunterkunft am Bedeweg lagen derart schwere Vorwürfe im Raum, dass der Security-Firma seitens der Polizei ein Hausverbot ausgesprochen wurde und die Firma bzw. das Personal ausgetauscht wurde. Eine Bewohnerin wurde Opfer des Fehlverhaltens der Security. Die Würgemale am Hals waren zwei Tage später bei unseren Recherchen vor Ort noch immer zu sehen. Die Frau wollte sich beim Essen nicht mit den Männern in eine Reihe stellen, was aufgrund des sozio-kulturellen Hintergrundes der Bewohner nicht unüblich ist. Der Mitarbeiter der Sicherheitsfirma zog sie daraufhin brutal am Hals aus der Schlange. Sie erlitt daraufhin einen Nervenzusammenbruch. Trotz anhaltender massiver Beschwerden wurde erst nach einer Stunde der Notarzt gerufen. Das Opfer hat den Vorfall noch immer nicht verarbeitet. Die Verletzungen wurden dokumentiert, Zeugenaussagen liegen der Polizei vor. Schon lange prangern Mitarbeiter die Zustände an. Auch die Reinigungsfirma hat längst gekündigt. Eine neue Firma wurde bisher, so scheint es, nicht beauftragt. Durch diesen Umstand werden die hygienischen Zustände in der Turnhalle immer katastrophaler. Das Gesundheitsamt wurde bereits vor geraumer Zeit informiert und kündigte sich für eine Kontrolle an.

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Als das Gesundheitsamt zur Überprüfung erschien, fand man die Einrichtung wohl in einem akzeptablen Zustand vor. Nicht ideal, aber nicht gesundheitsgefährdend. Nach Aussagen einiger Mitarbeiter der Einrichtung wurde den Bewohnern mit Essensentzug gedroht, wenn sie nicht sauber machen. Ein eindeutiger Verstoß des Sicherheitspersonals gegen das geltende Gesetz. Ferner berichten uns Mitarbeiter der Einrichtung, dass Flüchtlinge, die störten oder die Zustände massiv kritisierten und sich nicht beruhigen ließen, einfach in eine andere Unterkunft verlegt wurden. Aus Angst vor Verlegung in andere Unterkünfte und somit aus Angst vor Verlust des aufgebauten sozialen Umfelds, oder auch aus Angst vor Nachteilen für das laufende Asylverfahren haben die Betroffenen lange geschwiegen. Mitarbeiter berichten auch, dass sie selbst die Zustände nicht kritisieren dürften und vom Betreiber in solchen Fällen als Lügner dargestellt wurden. Doch inzwischen ist ein Maß erreicht, bei dem weder Mitarbeiter noch Betroffenen schweigen wollen und können. Auch die Bewohner kennen, dank der Aufklärung durch engagierte Mitarbeiter, die Grundrechte, die in Deutschland ausnahmslos für jeden gelten. Dieses Wissen führte dazu, dass die Flüchtlinge endlich den Mut fassten, sich gegen die Zustände und das Verhalten der Sicherheitsfirma zu wehren. Dadurch das durch die Polizei erteilte Hausverbot für die Einrichtung für mindestens 12 Stunden kein Sicherheitsdienst zur Verfügung stand, musste von Seiten des LAGeSo geklärt werden, ob die Bewohner für diesen Zeitraum in eine andere Unterkunft gebracht werden müssen oder ob ein Verbleib der Flüchtlinge in der Unterkunft vertretbar ist. Da in dieser Situation viele Unklarheiten bestanden und die Busse für den Transport in eine Ersatzunterkunft bereits vor Ort waren, kam es zu einem hektischen und unübersichtlichen Durcheinander. Letztlich kam das LAGeSo dem Wunsch der Bewohner nach, ohne Sicherheitsdienst in der Unterkunft zu verweilen. Seit Mittwoch ist ein neuer Sicherheitsdienst bzw neues Personal vor Ort. Zahlreiche Anzeigen gegen die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma, aber auch gegen den Betreiber der Unterkunft werden erwartet. Ob gegen den Betreiber der Unterkunft weitere Verfahren eingeleitet werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar. Ob sich die Verhältnisse nun grundlegend ändern werden, bleibt offen. Aufgrund der Unterbringungsverhältnisse wird ein neuer Konflikt vermutlich nicht lange auf sich warten lassen. Es ist zu hoffen, dass das LAGeSo und die Polizei den Vorfall zum Anlass nehmen, diese und andere Unterkünfte, die in aller Eile eingerichtet worden sind, gründlich und regelmäßig zu prüfen.

Karow LIVE bedankt sich bei den engagierten Mitarbeitern und Bewohnern der Einrichtung für die offenen und ehrlichen Interviews.

Redaktion Pankow LIVE

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3 Comments

  1. Besonders ergiebig fand ich diesen Artikel jetzt nicht. Was ist denn nun genau passiert? Wenn es mehrere Anzeigen gab, dann gab es doch auch sicher mehrere Straftaten seitens der Securitys. Und warum war die Unterkunft plötzlich sauber als das Gesundheitsamt checkte?

  2. Und warum war die Unterkunft plötzlich sauber als das Gesundheitsamt checkte? Weil sich das Gesundheitsamt vorher angemeldet hatte. LG

  3. Ich spende Putzlappen und einen Eimer für die Bewohner. Wem darf ich das Reinigungsgerät übergeben?

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